(Aus Festschrift zum 25 jähr. Bestehen der Section Dresden des Deutschen und Österreich. Alpenvereins.; Dresden 1898 im Selbstverlag der Section)
von A. Käbitzsch
II. Die Zufallhütte im Martellthal.
2273 m.
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Wenige Tagereisen von der Dresdner Hütte entfernt und von dieser durch eine Reihe prächtiger üebergänge und genussreicher Thalwanderungen zu erreichen, liegt auf aussichtreichem Felskopfe im oberen Martellthal, hochüberragt von dem herrlich geformten Doppelgipfel des Oevedale, die zweite Hütte der Section Dresden, die Zufallhütte in 2273m Meereshöhe, nur 35 m niedriger als die Dresdner Hütte. Trotzdem ist der Charakter der Umgebung ein wesentlich anderer. Der im Stubai weit unten zurückbleibende Wald begleitet uns hier nicht nur bis an die Schwelle der Hütte, in deren unmittelbarer Nähe sich noch eine ansehnliche Lärche erhebt, sondern wir gewahren noch in ziemlicher Höhe oberhalb derselben einzelne abgestorbene Baumriesen, die davon Zeuguiss ablegen, dass in früherer Zeit die Waldbedeckung sich viel weiter nach oben erstreckt habe. Freilich ist der Wald jetzt sehr gelichtet, und wer ihn vor Erbauung der Zufallhütte gekannt hat, bedauert dies um so mehr, als nirgends an Aufforstung gedacht wird. Die Lage der Hütte macht sie geeignet als Ausgangspimirt für die Gletscherübergänge nach Sulden, St. Caterina, Pejo und Rabbi über das Madritschjoch, 3119 m, das Langenfenierjodi. 3271 m, die Eürkelescharte, 3033 m, und den Sällentpass, 2991 m, sowie für die Besteigungen der hinteren Schöntaufspitze, 3324 m, der Butzenspitze, 3303 m, des Oevedale, 3774 m, der Veneziaspitze, 3384 m, der vorderen Eothspitze, 3030 m, und der Zufrittspitze, 3455 m, von denen die beiden im Druck hervorgehobenen sich schon lange eines fesfcbegründeten .Rufes als Aussichtsberge ersten Banges erfreuen. Das Madritschjoch dagegen gehört zu den meistbegangenen Alpenpässen und ist auch schon wiederholt von Truppenabtheilungen, im Herbst 1893 sogar von österreichischer Gebirgsartillerie, überschritten worden. Die erste Anregung zum Bau der Hütte datirt bereits aus dem Jahre 1880, aus der Zeit, wo die Dresdner Hütte eben ihre Probejahre durchgemacht hatte. Im Frühjahr 1881 wurde der Bau von der Sectionsversammlung beschlossen und, nachdem im Laufe des Sommers der Bauplatz ausgewählt war, im zeitigen Frühjahr 1882 mit der Arbeit begonnen. Es war gelungen, mit einer Anzahl Thaibewohner, unter denen sich u. A. die beiden Führer Martin und Matthias Eberhöfer, die Zimmerleute Gebrüder Lampacher und Tischler Eleischmann befanden, einen günstigen. Acuord zur Ausführung des Baues, nach den Plänen des Herrn Baumeister Ancke in Ohemnitz, abzuschliessen. Als Baumaterial wurde Holz, das zu jener Zeit dort im üeberfluss vorhanden war, gewählt; der Bau schritt rasch vorwärts und bereits am 23. August 1882 konnte die Einweihung erfolgen, zu welcher sich aiisser zahlreichen Mitgliedern der Section und Bewohnern 'Jes Thais auch einige Meraner Vereinsgenossen und der hochw. üurat Eller aus Sulden eingefunden hatten. Die Hütte, zu der im Allgemeinen die damalige erste Berlinnr Hütte im Schwarzensteingrund als Modell gedient hatte, gefiel wegen ihrer sauberen Ausführung und ihrer Wohnlichkeit allgemein und bekam schon im nächsten Jahre zahlreichen Be-such. so dass man schon für das Jahr 1884 auf eine Bewirthschaftung zukommen musste. Die Section suchte bei der Bezirkshauptmannschaft in Meran um die Ooncession zum Wirth-schaftsbetrieb nach, erhielt dieselbe und übertrug die Ausübung dem Führer |
Martin Eberhöfer, der sie auch bis zu Ablauf der Saison 1896 ununterbrochen zur Zufriedenheit geführt hat; im Jahre 1897 wurde an seiner Stelle Matthias Eberhöfer mit der "Wirthschaftsführung betraut. Ursprünglich bestand die Absicht, etwa 2 Stunden oberhalb des Zufallbodens, am Bande des Langenferners, in der Gegend der "hinteren Wand'ln" eine kleine Hütte, gewissermaassen als Dependanz zu errichten, welche die Besteigung des Cevedale und den üebergang ins Gedehthal abkürzen sollte; doch wurde die Ausführung verschoben und endlich ganz aufgegeben, nachdem man zur Erkenntniss gekommen war, dass für eine solche Hütte keine Nothwendigkeit vorliege. Die gesammten Baukosten beliefen sich auf 5200 Mark, die etwa zu 1/3 durch den Beitrag des Centralausschusses von 1000 fl., zu '/g durch freiwillige Beiträge und Antheilscheine gedeckt wurden. Ein Versuch, die nächste Umgebung der Hütte durch Anpflanzung von Waldbäumen etwas zu beleben, muss als gescheitert betrachtet werden, da von 28 gepflanzten Bäumchen nur 2 ein kümmerliches Dasein fristen. Die Schuld liegt hauptsächlich an dem sehr felsigen Boden, der nur eine magere Erdbedeckimg trägt und das Eindringen der "Wurzeln nicht gestattet, in zweiter Linie an den. Weideverhältnissen. Schwierig gestaltete sich die Erhaltung der Wege im Martell-thal, welches öfter den üeberschwemmungen des Plimabaches ausgesetzt war, der fast alljährlich sein Bett mehr oder weniger veränderte und eine Umlegung des Weges nothwendig machte. Die arme Thaischaft stand der traurigen Thatsache machtlos gegenüber und nur langsam begann sich in weiteren botheili^i' Kreisen die Aufmerksamkeit zu regen. Hatten schon die kleineren Ausbrüche von 1888/89 nicht nur das Martellthal schwer geschädigt, sondern auch das Vintschgau in Mitleidenschaft gezogen, so brachte doch erst die furchtbare Katastrophe vom Juni 1891, die einen grossen Theil der Ortschaft Gand zerstörte und im weiteren Verlaufe das ganze Vintschgau von Latsch abwärts mit Versumpfung bedrohte, die Erkenntniss, dass hier mit kleinen Mitteln nicht zu helfen sei. Die bedrohten Gemeinden, das Land Tirol und die österreichische Staatsregierung vereinigten sich zur gemeinsamen Abhilfe. Nachdem man erkannt, dass eine durch das Zurückweichen des Langenferners begünstigte, periodische Wasseransammlung hinter dem das Plimathal quer verschliessenden Fürkeleferner, welche bei einem gewissen Hochstand unter demselben durchbrach und durch die tief eingefressene Schlucht des Baches fast ungehinderten Abfluss fand, die Ursache war, ging man daran, durch einen grossartigen Schutzbau den Abfluss auch grosser "Wassermengen derartig zu regeln, dass letztere nur allmälig zum Abfluss gelangten. Es war zu diesem Zwecke nothwendig, das Bachbett der Plima durch einen mächtigen Steindamm zu ver-schliessen und mittelst eines Stollens von 7m2 Querschnitt, der durch sehr festes Schiefergestein gebrochen werden musste, dem-dahinter angesammelten Wasser einen langsamen Abfluss zu gewähren. Zur möglichst raschen Ausführung dieser Arbeiten musste der Winter 1891/92 benutzt werden und die Section stellte, auf die Bitte der Unternehmung, die Hütte zur Unterbringung der Arbeiter zur Verfügung. Freilich befand sie sich, als im Frühjahr nach Vollendung des Tunnels die |
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Arbeiter abzogen, in ziemlich verwahrlostem Zustande, aber das härteste Stück Arbeit war gethan und die kleinen Schäden an der Hütte bald wieder gut gemacht. Die im nächsten Jahre fortgesetzten und 1893 zum Abschluss gebrachfcen Schutzbauten, die eine halbe Stande oberhalb der Hütte liegen, sind sehenswerth und lohnen einen Besuch; ihre Zweckmässigkeit harrt noch der entscheidenden Probe, da seit ihrer Errichtung nur ein kleinerer Ausbruch stattfand, der kaum. bemerkt wurde. Seit dem Ausbleiben der Hochwässer war es möglich, den Wegen durch das Thai, welche durch die letzte Fluth fast ganz zerstört waren, etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Zwar entbehrt das Thai der Fahrwege, abgesehen von einem elenden Karrenweg, der von Goldrain bis Gand benutzbar ist, noch bis heute; aber auch die Saumwege, die während des Schutzbaues zur Erleichterung des Verkehrs mit dem Bauplatz dienten, erwiesen sich sehr bald als flüchtig und unpraktisch angelegt, sie erforderten viel Beparafcurkosten und verfielen rasch, so dass man schon nach wenigen Jahren den Touristenverkehr wieder auf die alte Boute leitete. Man bleibt von der oberen Martell-alpe weg auf dem Thaigrunde und verlässt ihn erst kurz vor der Einmündung des Pederbaches, um auf gut gangbarem Steig die Höhe der Thaistufe, auf welcher die Hütte liegt, zu gewinnen. Im Jahre 1892 hatte die Section das Vergnügen, eine grössere Anzahl von Mitgliedern der Sectionen Graz, München, Kempten, Gleiwitz und Dresden, welche der Generalversammlung in Meran beigewohnt hatten, als Gäste auf der Hütte zu be-grüssen, welche mit Interesse die noch in der Ausführung begriffenen Schutzbauten unter Führung des Herrn Professor Richter aus Graz in Augenschein nahmen. Um eben diese Zeit traten Schädigungen im äusseren Holzwerk der Hütte zu Tage, indem bei stärkerem Wind an den beiden Wetterseiten der Hütte das Wasser durch die Fugen des Balkenwerks getrieben wurde, so dass die Gefahr nahe lag, dasselbe möchte faulen. Um derselben wirksam zu begegnen, beschloss die Section, die Hütte ringsum mit einer Schindelverkleidung versehen zu lassen, eine Arbeit, die Tischlermeister Grassl in Gand für den Betrag von 640 fl. zur vollen Zufriedenheit ausführte. Die Hütte ist durch diese Vorkehrung, die alle Nässe abhält, nicht nur völlig geschützt, sie ist auch wärmer und wohnlicher geworden und schaut von ihrer Felsenzinne schmuck und blank ins Thal hinaus. |
Besucht wurde die Hütte, wie folgt: Besucherzahl der Zufallhütte eröffnet 23. August 1882. Im Jahre Personen 1883 107 1884 198 1885 240 1886 239 1887 260 1888 272 1889 274 1890 393 1891 270 1892 380 1893 677 1894 546 1895 678 1896 459 1897 668 Hier ist unschwer der bedeutende Einfluss der Eröffnung der Suldenstrasse und des dortigen grossen Hotels, sowie der Eückschlag der Besuchsziffer in den nassen Sommern 1894 und 1896 zu erkennen. Gegenwärtig sind 6 vollständige Betten im Dachgeschoss, Matratzenlager für eventuell 18 Personen im Herrenschlafraum, sowie für 4 Personen im Damenzimmer verfügbar, die wohl noch lange ausreichend sein werden, was um so wünschenswerther ist, als eine Vergrösserung der Hütte durch Anbau oder Zubau mit Rücksicht auf ihre Bauart schwierig und nur mit grossem Geldaufwand möglich sein würde. Der in den ersten 80er Jahren noch in dichter Fülle bis unmittelbar unterhalb der Hütte reichende Wald ist, namentlich durch den Holzbedarf beim Bau des Schutzdammes, gewaltig gelichtet und gesundes Holz in der Nähe kaum noch zu finden.
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