(Aus Festschrift zum 25 jähr. Bestehen der Section Dresden des Deutschen und Österreich. Alpenvereins.; Dresden 1898 im Selbstverlag der Section)
von A. Käbitzsch
I. Die Dresdner Hütte im Stubaithal.
2308 m.
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Dresden im Jahre 1874, als die Section noch kaum über ein halbes Hundert Mitglieder zählte, empfand sie das Bedürfniss, sich durch Erbauung einer Schutzhütte "alpin zu bethätigen". Damals war man um Hüttenbauplätze noch nicht in Verlegenheit und Dank der freundlichen Unterstützung des Herrn Job. Stüdl in Prag war bald ein solcher auf dem obersten Weideboden der oberen Fernau im Stubaithale, am Fusse der Schaufelspitze und des Bildstöckeljoches gefunden, dessen Wahl sich in der Folge als eine sehr glückliche erwies. Schon im folgenden Jahre, am 11. August 1875, konnte das erste Asyl der Section, dessen Bau die Stubaier Führer Aloys Tanzer und Pankraz Gleirscher (bekannter unter ihren Vulgärnamen Fürbas-Loisl und Marxer Kraz) ausgeführt hatten, dem Verkehr übergeben werden. Es war ein gar bescheidenes Heim, ein Aufenthaltsraum mit Kochherd und ein Schlafraum mit 4 Pritschen für 12 Personen, während die Führer im Dachraum ihren Schlafplatz hatten. Obwohl die Ausstattung der Dresdner Hütte nach heutigen Begriffen mehr als bescheiden, fast dürftig zu nennen war, fand diese nicht nur grossen Beifall, sondern erhielt auch von Jahr zu Jahr zahlreicheren Besuch. Mehr und mehr bevorzugte das Reisepublikum den genussreichen und dabei verhältnissmässig bequemen Zugang zu dem Gletschergebiet der östlichen Oetzthaler Alpen, wie ihn das Stubaithal bietet, und schon zu Anfang der 80er Jahre zeigte sich zuweilen die Hütte den sich steigernden Ansprüchen nicht mehr gewachsen, so dass der Wunsch laut wurde, sie zu vergrössern. Das war nun aber leichter gesagt als gethan, und es vergingen noch mehrere Jahre, bis es möglich war, die dem ersten Bau anhaftenden Mängel, denen man inzwischen th unliebst abzuhelfen suchte, durch einen grössereu und praktischer augelegten Neubau zu beseitigen. In der Zwischenzeit war die Secfcion einem zweiten Hüttenbauplan näher getreten, dessen an anderer Stelle gedacht ist, und die damit verbundenen, nicht unbeträchtlichen Aufwendungen nahmen ihre finanziellen Kräfte ausschliesslich in Anspruch. Auch der umstand, dass die neuerrichtete Hütte wegen ihrer Bauart (Blockbau, durch die damaligen Waldverhältnisse des Martell-thales begünstigt) den Wunsch rege machte, auch im Stubai eine Hütte gleicher Art zu besitzen, war dem Bau nicht förderlich; endlose Verhandlungen mit Gemeinden und Porstbehörden waren die Folge, ohne doch zum gewünschten Ziele zu führen. Erst dem Frühjahr 1886 war es beschieden, Klarheit in die Lage zu bringen. Die Forstbehörde verweigerte es end giltig, die Bewilligung zum Schlagen derjenigen Holzmasse zu geben, die zu einem Blockbau |
nöthig war (die Wände allein hätten ca. 2200 laufenden m starker Hölzer erfordert), und so musste die Section noth gedrungen auf den Steinbau zukommen, der sich übrigens, um es gleich zu sagen, sehr gut bewährt hat. Nachdem in der Person des — seither verstorbenen — Baumeisters Ed. Mayr in Innsbruck ein vertrauenswürdiger Unternehmer gefunden, auch von Seiten des Centralausschusses die erbetene Subvention bewilligt war, wurden alle Vorbereitungen getroffen, um im Jahre 1887 mit dem Bau selbst beginnen zu können. Der Anfang war nicht eben vielversprechend; zweimal waren die Arbeiter durch die Schneeverhältnisse beim Hiuaufschaffen des Bauholzes ernstlich gefährdet und nur einem glücklichen Zufalle war es zu danken, dass es hierbei ohne wirkliche Schädigung der Arbeiter abging. Besser gestaltete sich der weitere Verlauf des Baues; eine von Ende Juni bis über Mitte August anhaltende Periode schönen Wetters ermöglichte es, volle 7 Wochen ohne jede Unterbrechung fleissig zu schaffen, so dass noch für den gleichen Sommer die Eröffnung der Hütte in Aussicht genommen werden konnte. In der That fand dieselbe am 6. September 1887 statt, begünstigt vom herrlichsten Sommerwetter und unter lebhafter Betheiligung von Sections-mitgliedern und hervorragendeu Persönlichkeiten aus dem Stubai- und Oetzthal, von denen hier nur der k. k. Bezirksrichter Graf Künigl und der hochw. Pfarrer Halder aus Neustiffc, der der Hütte die kirchliche Weihe gab, genannt sein sollen. Die Feier verlief in angeregtester Weise; auch ein Unfall, der beim Abstieg ein Sectionsmitglied an ganz ungefährlicher Stelle betraf, hatte zum Glück keinen bleibenden Nachtheil für dasselbe zur Folge. Das neue Haus, etwa 70 bis 80 Schritt unterhalb des alten gelegen und auf der etwas gewölbten Fläche eines alten Gletscher-Schliffs erbaut, entspricht in seinem Grundriss ganz der Zufallhütte, hat aber etwas grössere Maasse. Die beiden Herren-schlafräume sind mit je 12 Matratzen ausgestattet und bieten im Notlifall für 36 Personen Lager; ein separates Damenzimmer im Erdgeschoss liat Eaum für 4—5 Personen, während für die Wirth-schafterinnen im Obergeschoss ein hübsches Zimmer bleibt. Die geringe Entfernung der beiden Hütten von einander ermöglichte die Trennung der Führer von den Touristen in der Weise, dass die ersteren ihren gesonderten Aufenthalts- und Schlafraum in der alten Hütte behielten, das neue Haus hingegen den Touristen verblieb. Die auf ca. 11000 Mk. veranschlagten Kosten des Baues betrugen in Wirklichkeit nur etwas über 9000 Mk., so dass mit der gemachten Ersparniss sofort eine stärkere Rückzahlung der Anleiheschuld und in |
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Folge dessen deren gänzliche Tilgung innerhalb vier Jahren durchgeführt -werden konnte. Eine wichtige und für die Entwickelung des Verkehrs folgenreiche Veränderung trat nach Fertigstellung des Baues dadurch ein, dass die neue Hütte während der Sommermonate, von Ende Mai bis Ende September jeden Jahres, eine ständige Wirthschaft erhielt. Damit war allen berechtigten Klagen über die oft mangelnde Sauberkeit und Ordnung in der Hütte der Boden entzogen. Während die Touristen früher eine ungeheizte, manchmal nicht gehörig gereinigte Hütte vorfanden, in der das Feueranzünden oft mit -Rauchbelästigung verbunden war und bei stärkerem Besuche eine Partei auf die andere warten musste, empfing sie jetzt ein behaglich durchwärmter Baum und alle Wünsche bezüglich der Verpflegung wurden, ohne eigenes Zu-thun der Touristen, prompt erfüllt. Am meisten kam der Vorzug der Bewirthschaftung beim morgendlichen Aufbruch zur Geltung. Sonst lag der zuletzt aufbrechenden Partei die Verpflichtung ob, das gebrauchte Geschirr zu säubern, die Lagerstätten zu ordnen, die Hütte zu reinigen und zu schliessen, was unliebsame, oft nicht wieder einzubringende Zeitversäumnisse verursachte; jetzt nichts mehr von alledem: hat der Tourist sich fertig gemacht, so hindert ihn nichts, seinen Marsch anzutreten. Die Wirthschaft wurde in den ersten Jahren von der Wittwe des Wirthes in Kanalt, Frau Vicoler, geführt und ging nach Verkauf des Gasthauses in Eanalt auf ihre Schwester Kathi Beikircher über, die sich 1893 verheirathete und seitdem mit ihrem Mann Georg Plattner zur Zufriedenheit der Gäste und der Section ihres Amtes waltet. Diese Neuerung und die im Jahre 1891 erfolgte Neuanlage des Weges zwischen der Mutterberger Alp und der Hütte, in Verbindung mit der Erbauung mehrerer neuen ünterkunftshüfcfcen im Stubaier Gebiet (Nürnberger Hütte 1887, Franz Senn-Hütte, Amberger Hütte) hoben die Frequenz derartig, dass zuweilen allgemeiner Platzmangel eintrat, der zugleich als Küche dienende Aufenthaltsraum aber fast immer sich als ungenügend erwies. Die Hütte wurde dementsprechend im Jahre 1894 durch einen Zubau von 8 m Länge und 4 m Breite vergrössert, der, als Speisezimmer benutzt, 30—32 Personen bequem Platz bot. Auch dieser Zubau, der ca. 2400 Mk. beanspruchte, wurde, wie der Wegbau, ohne Mithilfe der Centralcasse aus Sectionsmitteln bestritten. Darauf beschränkte sich jedoch die Section nicht; es wurde gleichzeitig auch die Erweiterung des Unterkunftshauses ins Auge gefasst, wobei dem mehr und mehr sich geltend machenden Be-dürfniss an Einzelräumen mit höchstens 2 Betten Rechnung zu tragen war. Zum Glück bot das der Hütte benachbarte Terrain brauchbaren Bauplatz zur Errichtung eines Schlafhauses mit ca. 24 Betten, wobei noch auf einen gedeckten Verbindungsbau von ca. 6 m Länge Rücksicht genommen werden konnte. Freilich war der Voranschlag der Baukosten ein beträchtlich hoher und dies fiel um so mehr ins |
Gewicht, als man den Bau gewissermassen als Jubiläumsbau betrachtete und ihn deshalb ganz aus eigenen Mitteln auszuführen beschloss. Mehrere Sectionsversammlungen, vom 27. November und 4. December 1895 und vom 21. März 1896, bewilligten für den Bau ein Berechnungsgeld von 23000 Mk., welches in der von der Section aufgenommenen Anleihe von 40000 Mk. In 3pro-centigen Antheilscheinen a, 50 Mk. enthalten ist. Der Erbauer der 1887er Hütte war inzwischen in Vermögensverfall gerathen und da sich unter den Bewerbern um den Bau keiner befand, der denselben zu einem massigen Accordpreis übernommen hätte, dagegen die beiden erprobten Poliere vom 1887er Bau sich uns zur Verfügung stellten, wurde einstimmig beschlossen, das Schlaf haus in eigener Regie durch diese, unter Oberaufsicht der Section, erbauen zu lassen. So begann denn Ostern 1896 die Bauthätigkeit mit dem Schlagen und der Zurichtung des von der G-emeinde Neustift erkauften Holzes, das allerdings ziemlich weit unten, dicht hinter Eanalt, gefällt werden musste. Anfangs ging Alles gut, aber beim Transport von der Mutterberger Alp zur Hütte, über die 700 m hohe Thaistufe, begannen die Schwierigkeiten. Die Schneebedeckung, der die feste ältere Unterlage fehlte, erwies sich als gänzlich ungenügend und es musste sehr bald dazu übergegangen werden, das ganze Holzquantum auf den Schultern hinaufzutragen. Diese an sich nicht leichte Arbeit wurde noch durch häufig einfallendes Regen- und Schneewefcter erschwert, welches auch auf den Fortgang der Mauerarbeiten verzögernd wirkte. Wenn wir gehofft hatten, das Schlafhaus noch vor Beginn des Winters im Rohbau zu vollenden, so stellte sich gar bald heraus, dass diese Hoffnung eine trügerische gewesen. Der Herbst brachte so reichlichen Schnee, dass vor Mitte October der bis zum Aufsetzen des Dachstuhles vorgeschrittene Bau für dieses Jahr verlassen werden musste, nachdem er möglichst gegen die Unbilden der Witterung verwahrt worden war. Unter günstigeren Verhältnissen begann der Sommer 1897. Ein paar Wochen schönen Wetters zu Anfang erlaubten das Haus rasch unter Dach zu bringen, unter dessen Schutz der innere Ausbau ungestört vor sich gehen konnte. Das Haus konnte von Mitte August an zum Theil benutzt werden; für die Einweihung •wurde der 6. September, der zehnte Jahrestag der Eröffnung des 1887er Hauses, gewählt. Leider war das Wetter diesmal der Feier nicht günstig, indem es mehrere Tage vorher tüchtig schneite und regnete, so dass mancher liebe G-ast, auf dessen Erscheinen man mit Bestimmtheit gerechnet hatte, fern blieb. Immerhin war es ein ganz ansehnliches Häuflein, welches um die Mittagsstunde des 6. September sich vor dem Hause versammelte, um nach Anhören der Festrede des Oberamtsrichter Munkel und nach der durch den hochw. Pfarrer Schratz aus Neustift gespendeten kirchlichen Weihe bei Speise und Trank, bei Gesang und Zitherspiel die glückliche Vollendung des Schlaf hauses zu feiern, mit welcher wohl auf lange Zeit |
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Besucherzahl der Dresdner Hütte eröffnet 11. August 1875. |
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Hinaus die Bautätigkeit der Section in diesem Gebiete ihren Abschluss gefunden haben dürfte. Es ist auch kaum anzunehmen, dass der Verkehr über die verschiedenen Pässe, zu denen die Dresdner Hütte den Zugang vermittelt, jemals so stark werden sollte, dass ihm mit den vorhandenen Eäumen nicht genügt werden könnte. Wohl hat das abgetrennte Damenzimmer im älteren Hause dem Neubau insofern weichen müssen, als die Küche dorthin verlegt worden ist, doch bleiben in diesem Theile noch immer 24 resp. 36 Matratzenlager, von denen einviertel für Damen reserviert werden kann. Im Schlafhause stehen 23 Betten in 12 Zimmern zur Verfügung, auch können auf dem sehr geräumigen Dachboden interimistische oder weitere feste Schlafplätze eingerichtet werden. Um noch mit einem Worte der Baukosten zu gedenken, sei hier nur kurz bemerkt, dass es trotz der erwähnten Hindernisse möglich war, an den bewilligten Berechnungsgeldern ca. 1000 Mark zu sparen, da der ganze Aufwand einschliesslich der Einrichtung sich auf wenig über 22000 Mark belief. Unter normalen Witterungsverhältnissen würden. weitere 1500 bis 2000 Mark leicht zu erübrigen gewesen sein. Der Baugrund, auf welchem die sämmtlichen, der Section gehörigen Gebäude errichtet sind, ist Eigenthum der Section und wird im Nordost durch die drei am Thairande gegen Mutterberg sich erhebenden Steinmänner, gegen Westen durch die oberhalb der Hütte errichteten Male begrenzt. Durch die Erwerbung dieses Baugrundes ist auch die Sicherheit gegeben, dass kein Oncirrenzunternehmen sich einnisten kann. Ueber die Zahl der Reisenden, welche den Schutz unserer Hütte in Anspruch nahmen, gibt nachstehende Tabelle Aufschluss. |
Im Jahre 1876 1877 1878 1879 1880 1881 1882 1883 1884 1885 1886 1887 1888 1889 1890 1891 1892 1893 1894 1895 1896 1897 |
Personen 75 154 157 200 270 301 268 253 413 362 350 250 421 499 483 626 802 1049 1000 1103 688 898 |
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Diese Tabelle zeigt deutlich, wie verbesserte Verbindung von 1891 ab den Verkehr förderte, anderseits wie ein schlechter Sommer, gleich dem von 1896, den Besuch, der in den Jahren 1893—1895 sich zu einer grossen Höhe emporgeschwungen hatte, ungünstig beeinflussen kann. Das Jahr 1897, obwohl es auch nicht sonderlich vom "Wetter begünstigt war, hat -wieder einen Fortschritt zum Besseren gebracht und so hoffen wir, dass bald die Durchschnittszahl von 1893/95 nicht nur -wieder erreicht, sondern noch überschritten -werde Der überwiegend grössere Theil der Gäste, soweit er über's Gebirge geht — und das thun die meisten —, schlägt den Weg über das Bildstöcki (3133 m) ein, um mit oder ohne Besteigung der vielbesuchten Schaufelspitze (3333 m) nach Sölden im Oetzthal zu gelangen. Vielfach werden auch in neuerer Zeit die üebergänge über das Peiljoch (2823 m) von und nach der Nürnberger Hütte (2297 m), über den wilden Pfaff (3471 m) von und nach der Müllerhütte (3130 m) und dem Becherhaus (3173 m), über das Schaufelnieder (3040 m) nach der 1896 eröffneten Hildesheimer Hütte (2910 m) gemacht. Seltener begangen, aber genussreich ist das Daunjoch (ca. 3060 m), von der Amberger Hütte über den grossen Sulzthalerferner zur Dresdner Hütte. Das früher zuweilen begangene Mutterberger Joch (3016 m) wird, seit das Daunjoch bekannt ist, kaum mehr gemacht, da es sehr mühsam und anstrengend ist. Wer sich über die zahlreichen, vom Thaigrunde und aus den Nebenthälern des Stubaithales zu unternehmenden Partien näher zu unterrichten wünscht, dem sei: "Stubai. Land und Leute. Herausgegeben von Freunden des Stubai. Leipzig. Duncker & Humblot. 1891" empfohlen. Das Werk enthält eine sehr fleissige Arbeit von C. Gsaller in Innsbruck, die allen wünschenswerthen Aufschluss bietet. |
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