Eine Harzreise - Silvester 2002

Die Roßtrappe

Die Sage von der Roßtrappe

Dort, wo heute nur noch die wildromantischen Felsen zu beiden Seiten der Bode zu bewundern sind, stand einstmals die Burg eines mächtigen Harzkönigs, dessen größter Stolz sein stattlicher Sohn war. Als dieser ins heiratsfähige Alter kam, schickte ihn der Vater in die Welt, dass er sich eine Braut suche, damit er die Königswürde übernehmen könne. Nach langer Reise, auf der der Prinz mancherlei Abenteuer bestreiten musste, fand er im Böhmer Land eine wunderschöne Prinzessin, die edle Brunhilde. Sie waren bald in Liebe zueinander entbrannt, und der Prinz wollte sie als seine Gemahlin heimführen. Doch zuvor musste er allein nach Hause reiten, um dann mit dem Hochzeitsgefolge zurückzukehren. Kaum aber hatte er den Hof des Böhmenkönigs verlassen, als ein neuer Bewerber kam. Es war der Riesenfürst Bodo, der sein Reich im hohen Norden hatte und weit im Land als wild und grausam bekannt war. Ihn wollte die schöne Brunhilde nicht, doch ihr Vater gab Bodo aus Angst die Zustimmung. Nun war die Prinzessin sehr unglücklich, aber sie hoffte, dass ihr Liebster noch beizeiten kommen würde, um sie zu entführen. Doch ihre Hoffnung schwand, da der Hochzeitstag immer näher rückte und sie keine Nachricht von ihrem Liebsten erhielt. Ritter Bodo versuchte indes, die Liebe durch wertvolle Geschenke zu gewinnen. So legte er ihr kostbares Geschmeide und wunderschöne Gewänder zu Füßen. Auch ein riesiges weißes ross schenkte er ihr am Tag vor der Hochzeit. Als Brunhilde dieses wunderschöne starke Pferd sah, durchzuckte sie sofort der Gedanke an eine Flucht in der kommenden Nacht, die ihre letzte in Freiheit war. Als Bodo mit seinen Gesellen beim Zechgelage saß, schlich sich die Prinzessin in den Stall, zäumte das Pferd auf, schwang sich in den Sattel und jagte nach Norden, wo sie ihren Liebsten im fernen Harzgebiet wusste. Das mächtige Stampfen der Hufe hörte jedoch Bodo, der sein ebenso starkes ross nahm und ihr ungestüm nachritt. Bald sah er sie im hellen Mondlicht, doch konnte er sie nicht einholen. Von Angst und Verzweiflung getrieben, lenkte Brunhilde ihr Pferd immer weiter, bis sie in der Ferne den Harz erblickte, den sie auch bald erreichte. Steil stieg der Weg zur Harzhöhe an. Ross und Reiter spürten, wie die Kräfte nachließen. Dies bemerkte auch Bodo, der bereits triumphierend lachte, dass sich die Tiere des Waldes verängstigt im Unterholz verkrochen. Doch erreichte die junge Prinzessin endlich die Anhöhe. Da scheute plötzlich ihr treues Ross, denn vor ihm gähnte eine gewaltige Schlucht. Hinter sich hörte sie das wilde Schnauben des Pferdes von Bodo, der sich in Windeseile näherte und vor sich hatte sie die viele hundert Meter breite Schlucht, auf deren anderen Seite die rettende Burg ihres Liebsten lag. Mit dem Mut der Verzweiflung gab sie ihrem Pferd die Sporen, das mit einem gewaltigen Sprung einem Vogel gleich über den Abgrund flog. Sicher setzte es auf der anderen Seite auf, grub aber ein tiefes Huf mal in den Felsen. Da dieses Hufmal noch heute zu finden ist, nennt man diese Stelle den Roßtrappenfelsen". Aber was geschah mit dem Ritter Bodo, der nicht wie Brunhilde von guten Geistern beschützt wurde? Er versuchte, von blinder Liebe getrieben, der Königstochter zu folgen, doch fehlte seinem ross die Kraft und es stürzte mit dem Reiter in die Tiefe des Bodetales. Dort wurde er zur Strafe von den guten Geistern des Flusses in einen Hund verwandelt und muss bis zum heutigen Tag die Krone der Prinzessin bewachen, denn die hatte sie bei ihrem gewaltigen Sprung verloren. Der Ursprung des Namens "Bode" könnte aus dem Keltischen stammen. Dort wird Wasser als "boda" bezeichnet. Damit wäre auch eine Erklärung des Hufmales gegeben. Solche sonderbaren Hufabdrücke lassen sich manchen Ortes finden, die einst Heimat keltischer Völkerschaften waren. Somit dürfen wir annehmen, dass es sich um Opferstätten handelt, wo dereinst das "heilige weiße ross" den Göttern geopfert wurde.

Quelle: "Auf den Spuren der schönsten Harzsagen; HG: Horst Müller; Q-Druck GmbH; Quedlinburg

 

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